Ja wo ist denn hier der Zoom..?

Die einen schwören darauf, die anderen können nicht damit umgehen. Die Rede ist von Objektiven mit Festbrennweite. Oft gerühmt für ihre Lichtstärke, ihre extrem scharfe Abbildungsleistung und die hohe Geschwindigkeit beim automatischen Fokussieren, aber genauso oft verrissen als unflexible Speziallösungen für Nischenfotografen – es war wohl an der Zeit, dass ich mir mein eigenes Bild mache.

Also erstmal ein paar Abende Recherche, was es auf dem Festbrennweitenmarkt so gibt, worauf man achten sollte etc. – das übliche halt. Erste und wohl wichtigste Überlegung bei der Anschaffung einer Festbrennweite ist – die Brennweite (man hat ja nur eine). Dabei immer zu beachten ist natürlich, ob die eigene Kamera einen Vollformatsensor oder einen kleineren Crop Sensor hat. Dann hat man die Auswahl des kompletten Brennweitenspektrums von extremen Weitwinkel bzw. Fisheye Objektiven über die klassischen Portraitbrennweiten im leichten Telebereich bis hin zu den Mördergeräten, die man eher aus dem Fußballstadion als aus dem Fotoladen an der Ecke kennt – es sei denn man wohnt z.B. in München in der Schwanthalerstraße. Gut, die obere Teleschiene war jetzt nicht das, wonach ich gesucht hab – ganz zu schweigen von den Preisen im Bereich eines neuen Kleinwagens (ca. 10000€) habe ich in meinem fotografischen Alltag nicht wirklich eine Verwendung für ein 6kg schweres 600mm Objektiv. Aber ausprobieren und ein ausführliches Review schreiben würd ich natürlich jederzeit.

Für das untere Ende der Brennweitenskala, sprich ein Fisheye mit 10mm oder weniger, hätte ich schon eher Verwendung, aber bei einem Preis von knapp unter 1000€ sind wir auch noch nicht da wo ich eigentlich hin wollte.

Aber wo wollte ich eigentlich hin?

Ich wollte ein Objektiv, dass auch unter widrigsten Lichtverhältnissen noch gute Bilder machen kann, also sollte es möglichst lichtstark sein – Ein Einser vor dem Wert der Offenblende war das Ziel. Damit wäre es natürlich neben den Lowlight Geschichten auch perfekt für Portraits mit äußerst geringer Schärfentiefe. Außerdem wollte ich das vielgerühmte Gefühl des Sneakerzooms erleben, d.h. Veränderung des Ausschnitts nicht durch das Drehen am Zoomring, sondern per pedes.

Ich weiß nicht mehr warum, aber ich habe mich dann sehr schnell auf die Nikkorfestbrennweiten eingeschossen, und mich wegen meines 1,5x Crop letztendlich für ein 50mm (spricht 75mm@Kleinbild) entschieden. Mit dem 35mm (~50mm@KB) muss man z.B. schon sehr nah an eine Person ran, um ein formatfüllendes Gesichtsportrait zu machen, was nicht jedermanns (also meine) Sache ist. Gegen das 85mm (~120mm@KB) habe ich mich entschieden, weil ich mir ja wiegesagt viel von den Lowlightfähigkeiten erhoffte. Und wo findet man diese Lichtsituationen am häufigsten – in geschlossenen Räumen. Wenn es sich aber nun bei dem geschlossenen Raum nicht gerade um die Sporthalle des lokalen Eishockeyteams handelt, sondern um Oma’s Wohnzimmer, dann wird man sich mit dem 85mm schwer tun, mehr als Gesichtsausschnitte und Körperteile abzulichten.

Also 50mm. Stand also noch die Wahl zwischen dem f/1.4 und dem f/1.8 Objektiv an. 350€ gegen 140€. Ich war schwer am grübeln. Also hab ich mir erstmal eine zweimonatige Ebaysuche für die beide Objektive eingerichtet, still beobachtet und vorsichtig ein paar Gebote abgegeben – wahrscheinlich zu vorsichtig, denn es hat einfach nicht geklappt. Nachdem die f/1.4 Version aber immer für fast 300€ und die f/1.8 Version immer um die 100€ unter den Hammer kam, habe ich mich doch für einen Neukauf entschieden. Ich kann ja nicht immer so viel Glück haben wie bei meinem 100-300mm Tamron für 30€.

Um meinen Geldbeutel zu schonen ist es aber dann das f/1.8 geworden, denn vielleicht gehöre ich ja zu der Gruppe Fotografen, die ohne ihren Zoomring nicht fotografieren können. Um es kurz zu machen, ich gehöre nicht dazu. Bestellt bei Amazon, geliefert innerhalb von 30 Stunden (ohne Aufpreis – mein Lob an Amazon), ausgepackt und gewundert: Mann ist das klein!

Ich hab natürlich vorher die Abmessungen von 63mm Durchmesser und 39mm Baulänge gelesen, aber bewußt wurde mir das erst, als ich das Teil auf meine D90 geschraubt hab und mit meiner linke Hand nicht mehr wie gewohnt schön unter dem Ojektiv ruhen lassen konnte. Aber daran gewöhnt man sich sehr schnell und bereits nach der Begutachtung der ersten Testschüsse auf dem Kameradisplay war mir klar – ich liebe dieses Objektiv. Die gestalterischen Möglichkeiten, die einem durch die extrem geringe Schärfentiefe gegeben werden und man sich durch den Sneakerzoom selbst auferlegt, sind einfach nur der Hammer. Statt statisch in seiner Position zu verharren und wie wild am Zoomring zu drehen ändert man den Bildausschnitt und die schärfeebene durch Vor- und Zurückbeugen des Oberkörpers oder durch wildes Umherlaufen vor dem Motiv. Das macht mir einerseits irre Spaß und andererseits fühlt sich die Bildkomposition einfach natürlicher an. Wenn ich mir ein Motiv mit meinen Augen anschaue und mir der Ausschnitt nicht gefällt, schraub ich ja auch nicht an meinem Cyborg Auge die Brennweite hoch sondern bewege mich relativ zum Motiv um eine andere Perspektive zu erreichen.

Die Sache mit der Fokussierung ist da schon etwas gewöhnungsbedürftiger. Bei den ersten Testbildern hab ich natürlich erstmal voll die f/1,8 aufgerissen, dann aber doch auf f/4 zurückgeschraubt, denn bei f/1,8 sauber zu fokussieren ist gar nicht so einfach. Kontinuierlichen Autofokus hab ich sofort ausgeschaltet, den Single-Autofokus nach ca. 10 Fehlfokussierungen und beim manuellen Fokussieren sind die 39mm Baulänge nicht wirklich hilfreich.  Aber es hat ja auch keiner gesagt, dass Fotografieren einfach ist. Nach einigen Trockenübungen an meinem Schreibtisch hatte ich das Objektiv dann aber ganz gut im Griff. Richtig benutzen konnte ich es bisher bei folgenden Gelegenheiten: Besuch des Daimler Museums in Stuttgart, Familienfeier im Garten und Sonnenuntergangsspaziergang im Kornfeld. Bei allen drei Einsätzen hat mich das Objektiv zu 100% überzeugt. Egal ob lowlight und HDR im Museum, Portraits in der Nachmittagssonne im Garten oder Lanschaftsaufnahmen im schwindenden Licht am Abend – das Ding tut einfach was es soll wenn man damit umgehen kann. Womit ich allerdings noch arge Probleme hab sind diese offenblendigen Closeup Portraits. Nur allzuoft fokussiert man die Nase statt der Augen an und bei f/1.8 ist die Schärfentiefe so gering, dass je nach Abstand und Rüssellänge bei scharfer Nase die Augen schon völlig in die Unschärfe abdriften. Aber wenn es einmal richtig scharf gestellt hat, dann ist das Bild so knackscharf, dass mir dafür die Worte fehlen. Aber ihr seht die Bilder ja selbst.

Und zum Thema Fokusgeschwindigkeit kann ich nur sagen –ja, schnell isses. Eigentlich hab ich mir darüber noch keinerlei Gedanken gemacht, denn egal ob ich es auf eine weiße Wand oder ein kontrastreiches Kornfeld gehalten hab, sobald man den Auslöser antippt, ist bereits scharfgestellt. Das ist natürlich keine wissenschaftliche Aussage, aber darauf kommt es auch nicht an. Das Gefühl und das Wissen, dass es einfach immer funktioniert –das ist es was zählt.

Kommen wir also zu meinem Fazit:

Das Nikkor 50mm f/1.8D erfüllt und übertrifft alle meine Erwartungen, die ich an das gute Stück gestellt hatte. Die Verarbeitung ist wie bei allen Nikon Objektiven gut, auch wenn mir ein Metallgehäuse besser gefallen würde, aber dann würde es wohl auch mehr als 155g wiegen. Ich kann das Objektiv wirklich nur jedem ans Herz legen, der nach einer Abwechslung oder Herausforderung in seinem fotografischen Umfeld sucht.

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